Theologie (der Kirchenmusik)

"Mich wundert´s, dass ich traurig bin..."
Theologie der Musik - Kirchenmusik als Theologie

von Prof. Dr. Siegfried Macht

1. Präludium

"Ich komm, weiß nicht woher.
Ich geh weiß nicht wohin.
Mich wunderts, dass ich fröhlich bin."
schrieb (angeblich) Martinus von Biberach
und Martin Luther erwidert1:
"Ich komm, weiß wohl woher.
Ich geh, weiß wohl wohin.
Mich wunderts, das ich traurig bin."

Orgel von obenLassen Sie mich einmal behaupten, dass dies auch der klassische Gegensatz zwischen dem Musiker (als weltlichem "Spielmann") und dem Theologen bzw. Christen ist. Der eine kann aufs Trefflichste feiern und braucht nicht einmal einen Grund dazu - wehe aber er gerät darüber doch einmal ins Grübeln. Der andere weiß um allen Grund zur Freude, aber das allein lässt die Feier des Lebens noch lange nicht gelingen.
Der Theologe Luther hat nämlich den stabilsten Boden (wieder)entdeckt, der überhaupt denkbar ist: Die theologische Gewißheit allein aus Gottes Gnaden gerechtfertigt zu sen - glauben zu können, dass durch Christus alles fortgenommen ist, was trennend zwischen Mensch und Gott war. Luther weiß und glaubt dies - und dennoch fühlt er es nicht ausreichend! Dennoch packen ihn oft tagelang Depression und Traurigkeit - als wollte sein Herz nicht glauben, was der Verstand ihm predigt.

Es ist als müsste nicht zufällig nach den Regeln eines alten - den Psalmen entlehnten - Zwiegesprächs der Theologe Luther erst einmal zum Musiker Luther sagen: "Du, meine Seele singe, wohlauf und singe schön - denn du hast allen Grund dazu." Woraufhin die musische Seele aufs Kunstvollste beginnt und den Sachverstand alsbald auch fühlen lässt, was er vorher nur wusste.

In der Sprache moderner Gestalttheorie: Jeder Gehalt verlangt nicht nur nach optimaler Gestalt, sondern er IST nur in eben dieser Gestalt. Wenn er eine andere Gestalt HAT, ist er auch von anderem Gehalt. Das Wort Gottes (insbesondere die Freude des Evangeliums) verlangt nach bestimmten Ausdrucksformen, ohne die es nicht ist, was es ist. Wenn Jesus besser als in der Kunstform der Gleichnisse vom Reich Gottes hätte reden können, hätte er es getan.
Schon ehe das Wort Fleisch ward offenbarte es sich in der Heiligen Schrift nach allen Regeln der Kunst in einer Vielzahl von Bildern, von Poesie, Gesang, Musik und Tanz. Der jüdisch-christilche Glaube ist von Anfang an durch, in und als Kunst vermittelt2:

2. Hören

Das Hören ist der Sinn des Menschen, der als erster funktioniert und als letzter erstirbt. Schon im Mutterleib hört das Kind die Töne und Klänge seiner Umwelt, durch die Körperresonanz insbesondere den unverwechselbaren Klang der Mutterstimme. Wenn diese schon während der Schwangerschaft dem Kind Lieder vorsingt, die es nach der Geburt wieder hören wird, dann ist die Schwelle des Eintritts in die Welt weniger erschreckend. Denn für das Neugeborene geht es insallzu Trockene, Grelle, Laute... aber wenn dieselben Lieder in "beiden Welten" erklingen spürt das Kind die Durchgängigkeit, die Begleitung von etwas Vertrautem. Musikalische ebenso wie religiöse Früherziehung wurzeln beide gleichermaßen in diesem Ereignis, welches das Fundament unseres Urvertrauens legt.
Sich miteinander singend, tanzend und musizierend auf andere einzulassen gelingt nur im Horchen auf die Stimmen der anderen: Gehörbildung dieser Art hat nichts mit dem Kadavergehorsam blindlings Gehorchender in einer autoritären Beziehungs-Einbahnstraße zu tun. Aufeinanderhören ist Grundbedingung gelingender Beziehungen und nur diese machen nach biblischem Verständnis gelingendes Leben aus.
Auch vor diesem Hintergrund betont Luther, dass der Glaube aus dem Hören kommt. Er sagt nicht "aus dem Wort", er sagt nicht "aus dem Lesen", er sagt nicht "aus dem Hören" (des Wortes). Der Klang ist wichtig, die Verlebendigung durch ein verantwortlich predigendes Gegenüber - es geht um das Hören des Gotteswortes in Beziehung.

3. Singen

Der Singsang des Kleinkindes verweist auf eine nahezu archaische Kraft, die sich wohl Bahn brechen würde, wenn wir es zuließen. Es geht in unserer singarmen Erwachsenenwelt also nicht nur darum, das Singen wieder zu lernen - es geht schon in den ersten Lebensjahren darum, es nicht zu verlernen. Ist es vielleicht die immer noch währende Geringschätzung ganzheitlicher, spielerischer, musischer (auch Religions-)Pädagogik, welche Neugier, Ausdruckssehnsucht und Lernfreude so vieler Kinder allzu bald in Schulmüdigkeit
verwandelt?
In der Logopädie weiß man um die Fähigkeit, singen zu können, was gesprochen nur stotternd bewältigt wird und nutzt das Singen therapeutisch.

Chor in der Stadtkirche BayreuthSingen ist erhöhtes Sprechen. Man singt, wenn das Wort allein nicht mehr ausreicht, um der Intensität der Empfindung Ausdruck zu geben. Gesungen wurde schon immer bei den Höhepunkten und Grenzsituationen des Lebens. Mit erhobener Stimme werde ich nicht von Belanglosigkeiten berichten.
"Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott" sagt Martin Luther und Paul Tillich definiert Religion als das "was uns unbedingt angeht".
 Wenn der Glaube somit per Definition der intensive Inhalt schlechthin ist und das Singen aus Intensivierung der Stimme entsteht, findet hier ein Gehalt seine ideale Gestalt, finden Inhalt umd Methode im Zeichen der Intensität zusammen: Glaube kann nicht anders als singen. Und Luther fügt hinzu: "Wenn sie´s nicht singen, glauben sie´s nicht!"

In der Regel verbindet sich im Singen die reine Musik mit dem Text (zum textfreien Musizieren siehe unten). Das kann der (fast) ungestaltete Prosatext oder aber die bereits in sich klingend geformte Poesie sein - im letzteren Fall fließt eine weitere große Kunst in jene der Musik ein und macht jedes Lied zu einem kleinen Gesamtkunstwerk.

Mit dem Text verbinden sich weitere Chancen. Gerade er (dis)qualifiziert: Jes.25,5 weiß vor der Ausmalung eines großen gottgezeugten Friedensfestes auch vom zu dämpfenden Siegesgesang der Tyrannen. Es gilt eben nicht "Wo man singt, da lass Dich ´ruhig nieder denn böse Menschen kennen keine Lieder." Nein, kennen sie durchaus...

Die Gabe der Musik ist immer wieder neu verantwortlich als Aufgabe zu gestalten, sowohl in ihren immanenten Konstruktionen als auch in ihren Kontexten. Wen oder was ich besinge, das ist immer wieder eine relevante Frage für Theologie, Politik, Pädagogik, ...

Besondere Qualität wird dem gesungenen Wort der Psalmen (dem gemeinsamen Liederbuch von Juden und Christen) zugesprochen: Schon bei Luther verbinden sich hier schöpfungs- und rechtfertigungstheologische Gedanken, wenn er schreibt, der Heilige Geist bereite mit dem Psalter "sowohl die Worte als auch die Affekte vor, mit denen wir den himmlischen Vater anreden und bitten sollen im Blick auf das, was er in den übrigen Büchern [der Schrift] zu tun und nachzuahmen gelehrt hat, damit keiner etwas vermissen kann, was ihm zu seinem Heil nötig ist." (WA 5,23) Dies erinnert sowohl an den lutherischen Gedanken, in aller Musikausübung dem Schöpfer freudig zurückzureichen, was er als Schöpfungsgabe geschenkt hat. In der Entlastung, für das Heil nichts eigenes leisten zu müssen, sondern zurückgreifen zu dürfen auf das, was Gott selbst vorbereitet hat schwingt aber auch ein Gutteil jener paulinischen Rechtfertigunglehre bei, die Luther seit seiner Vorlesung über den Römerbrief nicht mehr losgelassen hat.
In unseren Tagen hat Ingo Baldermann wieder darauf hingewiesen, dass es gerade die biblischen Lieder, die Psalmen sind, die uns ihre Sprache leihen können und in die man sich gerade in Zeiten religiöser Sprachlosigket eintragen darf wie in menschenfreundliche Formulare.

Aber auch außerhalb des Psalters ist die Bibel voller Lieder: Auch der vielleicht älteste Baustein der biblischen Überlieferung ist das Tanzlied einer Frau: Nach der Flucht Israels aus Ägypten, nach der Rettung am Schilfmeer singt Mirjam die Schwester des Mose ein Loblied auf Gott den Retter und hält fest: Nicht Mose hat gerettet, nicht Aaron, überhaupt kein Mensch, keine Streitmacht, sondern Gott selbst. Dass Mirjam das erkennt läss sie zur Prophetin werden. Dass eigentlich kein anderer Herrscher nötig ist, wenn Gott selbst so präsent ist lässt dieses Lied als innenpolitischen Streitgesang immer wieder erklingen - als Israel sich dennoch auf die Suche nach einem König macht, beginnt man Lieder wie dieses aufzuschreiben, Lieder, die gleichermaßen Hymnus (Gotteslob) wie "Protestsong" sind. Später folgen in eben dieser Tradition doppelter Funktion beispielsweise

  •     die erste Seite der Bibel (1. Mose 1-2,4a). Als Schöpfungshymnus eines der ersten Strophenlieder mit Refrain und
        ein gewaltiger Protestsong gegen den naiven Götterglauben der Babylonier
         (welche Sonne, Mond und Sterne für Götter halten  vgl. Schöpfungstag 4)
  •     das Magnificat (Lobgesang der Maria): ein neutestamentlicher "Psalm" und bei näherem Hinschauen auch eine geradezu
        umstürzlerische Gesellschaftskritik.
  •     das weihnachtliche Gloria: Es lobt Gott in der Höhe und fordert und verheißt Friede den Menschen auf der Erde.
  •     das Kyrie, denn in ihm schwingt neben der Christusanrufung auch die Verweigerung dieses Titels (Kyrios = Herr) gegenüber
        dem Kaiser durch die frühe Christenheit mit.

Auch die Frage nach dem angemessenen Stil (für geistliche Kontexte) bzw. nach dem, was denn nun wirklich neu ist, lässt sich anscheinend ohne Blick auf die jeweiligen Inhalte, Kontexte und Beweggründe nicht befriedigend beantworten: "Neu ist das Lied, das, von Christus singt" heißt es bei Luther und bei Bonhoeffer hören wir: "Neu ist das Lied, das uns neu macht". (Und: "Nur wer für die Juden schreit darf auch gregorianisch singen."!)

Und nicht zuletzt ist es das Singen, welches irdischen und himmlischen Gottesdienst verbindet, denn

  •     nicht nur der Volksmund singt: "Himmel und Erde werden vergehn. / Aber die Musica bleibet besteh´n."
  •     schon der Prophet Jesaja hört in einer Vision den Gesang der Engel vom Himmel, dem wir unser
        gottesdienstliches Sanctus (Heilig, heilig, heilig, ...) entnommen haben
  •     auch Jesus weiß im Gleichnis vom verlorenen Sohn das himmlische Gastmahl und die Freude über den
        heimgekehrten Sünder durch die "sinfonia", den Singetanz zu kennzeichnen.

4. Tanzen

Mirjam (s.o.) singt nicht nur mit allem Volk, sie musiziert dazu auf der Handpauke und sie tanzt. Singen - tanzen - musizieren, das ist der Dreiklang, der die ganze Bibel durchzieht: Da wo es ums Ganze geht, wo eben etwas auf dem Spiel steht, wo besondere Inhaltsintensität auch eine besondere Ausdrucksform verlangt.

Als Mose wenig später die Nähe Gottes sucht und zum Volk zurückkehrt mit "zehn guten Spielregeln", den Worten des Lebens läuft alles anders als gedacht. Sicher wollte er die zehn Gebote in die Mitte des Volkes legen und Mirjam bitten mit ihnen zu singen und zu tanzen und zu musizieren zur Ehre Gottes. Aber bei seiner Rückkehr war eben diese Mitte bereits besetzt und die Menge sang und tanzte ums "Goldene Kalb". Musik intensiviert - alles, und so lässt sie sich auch pervertieren und den Symbolen der Gewalt und der Unterdrückung widmen.
Und noch einmal lässt sich das oben schon Gesagte pervertiert wiederholen: Wieder hält die Musik die zentrale Frage (nicht nur) der Theologie offen: Was ist deine Mitte - wem singst du? Was ist dein Beweggrund - wer oder was lässt dich tanzen?
Dass wir uns richtig verstehen: Mose zürnt nicht, weil das Volk singt und tanzt, ihn erregt auch nicht eine bestimmte Stilistik der Musik oder des Tanzes. Ihn entsetzt die falsche Mitte - ein Tier, wie es Pharao vor sich her tragen ließ - goldener Mammon. Gerade weil hier einem anderen zu singen und zu tanzen seinen Platz gehabt hätte erscheint ihm die Entgleisung so verwerflich.

PopularmusikAls David die Bundeslade, das Heiligtum des mitziehenden Gottes zu sich in die Hauptstadt nach Jerusalem holen lässt, überkommt ihn eine seltsame Begeisterung. Spärlich bekleidet hüpft und springt, tanzt er in der ekstatischen Art des einfachen Volkes vor seinem Gott einher. David ist "außer sich" - weil er in Gedanken bei Gott und damit ganz bei sich ist...?! Aber vom Balkon des Palastes hat Michal, seine Frau, die Tochter seines Vorgängers (König Saul) zugeschaut. Michal, die Königin, die Prinzessin von Geburt an. Und sie stellt David, den Emporkömmling zur Rede: "Gehört sich das für einen König? Zu tanzen wie das einfache Volk?" Aber über diesen Vorwurf ist David erhaben (über manch anderen nicht!). Hier weiß David sich mehr als im Recht: Er hat getanzt vor einem anderen König - das hat ihn den anderen gleich gemacht. Tanz stiftet Gemeinschaft und demokratisiert.

Im Prediger Salomo wird unter dem Motto "Alles Tun unter dem Himmel hat seine Zeit und Stunde" alles genannt, was gerade in seiner Gegensätzlichkeit das Menschsein ausmacht: "Lieben und hassen... Klagen und tanzen". Ausgerechnet das letzte Gegensatzpaar wähl Jesus aus als er seine gegenwärtige Lebensweise und die von Johannes dem Täufer auf den Punkt bringen soll. "Wie soll man leben, wie kann man es Gott recht machen?" fragen die Menschen verunsichert. "Soll man sich knapp halten und karg leben wie Johannes oder soll man wie du Jesus, feiern gehen mit den Sündern"? Da antwortet Jesus mit dem Gleichnis von den Kindern auf dem Markt, bezeichnet die Lebensweise von Johannes als klagende und tröstende und die seine als feiernde und tanzende und lädt die Fragenden ein, doch beides zu leben anstatt lau und unbeteiligt sich von nichts mehr mitreißen zu lassen.

Die oft zitierte Spielmannsformel "Singen und Sagen" ist eigentlich schon eine Verkürzung. Der Spielmann des Mittelalters und der Rennaissance trägt seine Lieder so bewegend zur Laute vor, dass sein Publikum "mitgeht". Und dies noch im wahrsten Sinn des Wortes; in der gefassten Reihe mit dem seit Jahrhunderten überlieferten Balladenschritt. Indem es mitsingt oder eben "mitgeht" ist es nicht mehr Publikum.Die Grenzen zwischen Vortragendem und Zuhörern werden durchlässig. Die Aktion lässt teilhaben, die Teilhabe aktiviert - in kirchlichem Kontext wird es später heißen: Aus Publikum ist Gemeinde geworden. Denn Luther spürt die großartige Chance dieses Geschehens, gibt der Gemeinde im Gesang Verantwortung zurück und formuliert seine ersten Lieder als Balladen, als Einladung zum Mitgehen: "Nun freut euch lieben Christen g´mein und lasst uns fröhlich springen."

5. Musizieren

Bereits in den Anfängen biblisch bezeugter Musikausübung tritt das Instrument gleichberechtigt neben die Stimme: Dabei dient es keineswegs nur zur Begleitung (was im Sinne hinzutretender Intensivierung auch nicht als Zweitrangigkeit zu verstehen ist), sondern kann auch für sich allein

  •     das Lob Gottes erklingen lassen (vgl. die in Psalm 150 geforderte instrumentale Vielfalt!)
  •     Depressionen heilgen und Zorn besänftigen (Davids Harfespiel vor Saul)
  •     als Platzhalter für den Geschenkcharakter gottgewirkter Ereignisse stehen (Jerichos Mauern fallen nicht durch die Kraft
        israelitischer Kämpfe - stattdessen bedarf es des von Gott angeordneten Zusammenspiels priesterlicher Posaunisten und
        der Stimmgewalt des ganzen Volkes; Josua 6,4-5)
  •     helfen Gottes Weisungen hören zu können (Elisa braucht einen Spielmann um Gottes Willen zu erkennen: 2. Kön. 3,15)
  •     Leben bewahren angesichts der ungeheuren Heiligkeit Gottes (die Schellen am Kleid Aarons bewahren ihn
        vor dem Tod in der unmittelbaren Gottesnähe; wie sonst das Waschen und viele andere rituelle Erfordernisse gewährleistet
        hier das Instrument, das der Menschsich in rechter Weise nähert...)


KlavierstudioWenn im 13. Jahrhundert die Orgel Einzug in den christlichen Gottesdienst hält, so tut sie dies wiederum nicht (in erster Linie) als Begleitinstrument, sondern als textfrei "singende" im Gegenüber zum Gesang mit dem sie sich strophen- bzw. abschnittsweise abwechselte. Als Begleiterin des Gemeindegesangs wird sie zum ersten Mal in einem Hamburger Gesangbuch von 1604 erwähnt.
Darüber hinaus kann im reinen Instrumentenspiel immer auch die Chance gesehen werden, die engen menschlichen Sprachgrenzen zu überwinden - sowohl jene

  •     zwischen den Menschen (hier wird die Musik im Nachgang zur babylonischen Sprachverwirrung
        in gewisser Weise zu einem Pfingstereignis!)
  •     als auch in der Wendung zu Gott in welcher der Mensch die Grenzen seiner verbalen Ein- und
        Ausdrucksfähigkeit zu übersteigen hofft. Hier übernimmt die Musik eine dem biblisch bezeugten
        Zungenreden vergleichbare Funktion bzw. sie schreit wie (nach Lukas 19,40 angesichts im Gotteslob
        erstarrender Menschen) die Steine schreien würde bzw. laut Psalm 8,2-3 die Säuglinge
        schon lange textfrei aber mächtig loben.

6. Nachspiel

Religiöser Ein- und Ausdruck braucht die Musik als jene Kunst, die am unmittelbarsten ergreift und doch selbst nicht zu greifen ist. Denn das Bild ist das Bild, aber die sichtbaren Noten sind nicht die Musik. Und: Musk, wenn sie erklingt, ist bereits vorbei. So entsprechen Musik und Tanz in ihrer Immaterialitä wie keine andere Kunst dem sich offenbarenden und doch verhüllenden Gott des Bildesverbotes. Der stellt sich uns in Christus vor als das Wort, das nicht in Wörtern aufgeht, sondern Fleisch wird. Auf der Spur dieses - die Ganzheitlichkeit aufsuchenden - Wortes ist es die Musik, die

  •     Gemeinschaft stiftet und demokratisiert, somit auch wesentlich zum Gemeindeaufbau beitragen kann
  •     dem ortlosen Gott Klangraum geben und ihn unter uns wohnen lassen kann (vgl. 3. Mose 26,11 mit Kolosser 3,16)
  •     heilen (wenn auch nicht selbst das Heil bringen) kann
  •     dem Gebet insbesondere in den Haltungen von Bitte und Dank,Lob und Klage intensivierende Stimm verleiht
  •     so unersetzbar ergreifend erzählt, deutet und Emotionen transportiert

dass Luther auch für die Verkündigung festhält:
"So predigt Gott das Evangelium auch durch die Musik." (WA TR 2, 11, 1258)

1 Beide Sprüche werden in vielen Varianten überliefert. Ich habe die redensrtliche potienrte Verdichtung gewählt. Was Luther als "Reim der Gottlosen" abtut war wohl "spätmittelalterliches Allgemeingut" und lässt sich schon 1468 bei Walther von der Vogelweide nachweisen. Luthers Originalerwiderung in einer Predigt zum Sonntag Judica über Johannes 8,46-59 lautet: Ich lebe, so lang Gott will, / ich sterbe, wann und wie Gott will, / ich fahr und weiß gewiß , wohin, / mich wundert, daß ich traurig bin! Martin Luther, Gesammelte Werke, hg. von Kurt Aland, Bd. 8, S. 153 = Weimarer Ausgabe Bd. 37, S. 328 f.

2 und kennt (im Gegensatz zur platonischen Ideenlehre) keine gestaltfreie Eigentlichkeit.